Vom Teufelskreis zum Aufwärtskreis: Warum frühes Verstehen von ME/CFS und Long COVID entscheidend ist

Symbolisches Beitragsbild zu ME/CFS und Long COVID: Eine erschöpfte Person sitzt zwischen einer dunklen Abwärtsspirale aus Überlastung, Crash und Funktionsverlust und einer helleren Aufwärtsspirale aus Pacing, Stabilisierung und wachsendem Handlungsspielraum.

Bei ME/CFS und Long COVID entscheidet sich der Krankheitsverlauf nicht nur an Diagnostik und einzelnen Therapieversuchen. Sehr oft entscheidet er sich an etwas viel Alltäglicherem: daran, ob ein Mensch immer wieder über seine aktuelle Belastungsgrenze gedrückt wird oder ob es gelingt, früh genug einen stabilen Rhythmus zu finden.

Viele Betroffene kennen das folgende Muster. Man wird krank, steckt aber weiterhin mitten in beruflichen und familiären Verpflichtungen. Man versucht weiterzumachen. Vielleicht heißt es, man sei einfach „nur erschöpft“. Vielleicht sagen Ärztinnen oder Ärzte, man müsse langsam wieder aktiv werden. Drei Wochen Krankmeldung müssen doch langsam reichen!? Vielleicht macht man selbst genau das, was man früher bei Erschöpfung getan hätte: durchhalten, sich zusammenreißen, trainieren, funktionieren.

Bei ME/CFS und Long-COVID kann genau das zum Problem werden. Denn hier ist nicht normale Müdigkeit das Leitsymptom, sondern eine krankhafte Belastungsintoleranz. Die sogenannte Post-Exertional Malaise, kurz PEM, beschreibt eine deutliche Verschlechterung nach körperlicher, geistiger, emotionaler oder sensorischer Belastung. Diese Verschlechterung kann zeitverzögert auftreten, typischerweise nach 12 bis 48 Stunden, und Tage, Wochen oder länger anhalten. PEM gehört nach den IOM/NAM-Kriterien zu den Kernsymptomen von ME/CFS und wird auch bei Long COVID häufig beschrieben.1

Die zentrale These dieses Artikels lautet: Bei ME/CFS und Long COVID hängt der Verlauf oft nicht nur von einzelnen Therapieversuchen ab, sondern davon, in welchen Kreislauf Betroffene geraten. Wiederholte Überlastung kann Crashs, Unsicherheit und Funktionsverlust verstärken. Verständnis, Pacing, medizinische Unterstützung und soziale Entlastung können dagegen einen Aufwärtskreis ermöglichen, in dem langsam wieder mehr Stabilität und Handlungsspielraum entstehen.

Der erste Fehler: Die Krankheit wird wie normale Erschöpfung behandelt

Es gibt schwere Krankheitsverläufe, die akut einsetzen und die Betroffenen schlagartig – beispielsweise nach einem Virusinfekt – in eine desolate Verfassung befördern. Bei vielen Betroffenen beginnt die Erkrankung allerdings zunächst nicht so dramatisch, sondern eher mit einer leichten bis moderaten Verschlechterung. Man fühlt sich nach einer Infektion nicht mehr belastbar. Der Puls steigt schneller. Konzentration kostet plötzlich ungewöhnlich viel Kraft. Nach Einkaufen, Telefonaten, Arbeitstagen oder sozialen Treffen kommt ein Einbruch. Man schläft, aber erholt sich nicht. Der Akku lädt sich trotz Schlaf nur um 10% auf. Trotzdem versucht man, irgendwie weiterzumachen.

Das ist menschlich verständlich. Viele wollen ihren Beruf nicht verlieren. Viele wollen für ihre Familie da sein. Viele möchten nicht aus dem sozialen Leben herausfallen. Und viele haben zunächst auch keine Diagnose und keine Erklärung für das, was mit ihnen passiert.

Das Problem ist: Wenn PEM vorliegt, kann wiederholtes Überschreiten der Belastungsgrenze den Zustand weiter destabilisieren. Aus diesem Grund sehen die großen Leitlinien der CDC und der NICE Pacing beziehungsweise Aktivitätsmanagement als Hauptstrategie, um PEM und Rückfälle zu vermeiden.2,3

Und genau hier kann ein gefährlicher Kreislauf beginnen.

Der Teufelskreis: Push, Crash, Angst, noch mehr Push

Ein typischer Teufelskreis sieht ungefähr so aus: Eine Person versucht, trotz Symptomen weiterzuarbeiten. Sie reduziert vielleicht Freizeit und soziale Aktivitäten, um die Arbeit noch zu schaffen. Dann kommt der Crash. Nach einer Woche Krankmeldung und Regeneration wird die Belastung wieder gesteigert, gefolgt von einem weiteren Crash. Danach folgt Unsicherheit. Die eigene Gesundheit wird verständlicherweise in Frage gestellt: War es zu viel? Bin ich ernsthaft krank? Muss ich mich mehr bewegen? Muss ich mich mehr schonen? Was ist, wenn ich meinen Job verliere?

Diese Unsicherheit ist selbst belastend. Sie kann Stress, Schlafprobleme, Anspannung und oft auch Schuldgefühle erzeugen. Hinzu kommt die häufig fehlende Anerkennung der Erkrankungen ME/CFS und Long COVID in Arztpraxen und der Öffentlichkeit. („Ihre Blutwerte sind in Ordnung, also sind sie gesund“).

Dadurch steigt die Gesamtbelastung weiter. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional und organisatorisch. So kann die Gesamtsituation auf einen Betroffenen immer bedrohlicher wirken. Eventuell passiert das Paradoxe: Man versucht die Situation zu retten. Man arbeitet noch ein paar Tage. Man geht doch zur Familienfeier. Man macht doch die Reha mit. Man probiert doch wieder Sport, weil man hofft, den alten Zustand zurückzuerzwingen.

Ein Kurvendiagramm, das den Push-Crash-Zyklus darstellt. Überschreitet das Aktivitätniveau das Energielimit, kommt es für einige Tage zum Crash. Dabei sinkt leider das Energielimit dauerhaft weiter ab.

Die Zustandsverschlechterung nach Überschreiten des individuellen Energielimits wird neben der PEM auch als ‚Crash‘ bezeichnet. Das Gefährliche daran: Jeder Crash birgt das Risiko, dass sich das eigene Energielimit noch weiter reduziert. Vermutlich spielen dabei unter anderem Störungen der Mikrozirkulation, der Sauerstoffversorgung des Gewebes und der mitochondrialen Energieproduktion eine Rolle. Die vermuteten Mechanismen skizziere ich in dem Blogartikel „Anaerobe Schwelle, Laktat und Belastungsaufbau bei ME/CFS und Long COVID“.

Wir wissen, dass die Erkrankung verschiedene Schweregrade haben kann: von milden Verläufen, bei denen Arbeit noch möglich ist, aber Freizeit und soziale Aktivitäten oft aufgegeben werden, bis zu schweren und sehr schweren Verläufen, in denen Betroffene ans Haus oder Bett gebunden sind, Hilfe bei Alltagsaktivitäten benötigen und stark licht- oder geräuschempfindlich sein können. Ohne hierzu genaue Zahlen nennen zu können, entsteht in der klinischen Beobachtung der Eindruck, dass viele Betroffene nicht von Beginn an bettlägerig sind, sondern erst im Verlauf deutlich an Funktionsniveau verlieren. Das beweist natürlich nicht, dass jeder schwere Verlauf vermeidbar gewesen wäre. Natürlich gibt es auch andere Gründe für schnelle oder kontinuierliche fortschreitende Verschlechterung (z.B. sich wiederholende Virusreinfektionen, vor denen man sich nun mal nur begrenzt schützen kann).

Diese Abwärtsspirale ist also insbesondere dann gefährlich, wenn sich kein Verständnis für den Push-Crash-Kreislauf entwickelt. Besonders tückisch ist dabei, dass es mit zunehmend absinkendem Energielimit auch immer leichter wird, dieses Limit zu überschreiten. Man kann sozusagen von einer sich beschleunigenden Verschlechterung bei Nicht-Beachtung des Energielimits sprechen.

Der soziale Anteil des Teufelskreises

ME/CFS und Long COVID sind körperliche Erkrankungen. Trotzdem ist der soziale Kontext für den Verlauf enorm wichtig. Verbessert sich der Zustand nicht über die ersten Wochen und Monate, kommen soziale und finanzielle Sorgen hinzu. Man sagt Verabredungen ab. Man wird unzuverlässiger, obwohl man das nicht sein will. Andere verstehen es nicht. Die eigene Welt wird kleiner. Wenn jemand immer wieder krankgeschrieben wird, aber keine klare Diagnose hat, entsteht Druck. Arbeitgeber, Familie, Krankenkasse, Rentenversicherung und die eigene innere Stimme stellen Fragen. Wenn soziale Kontakte wegbrechen, kommt es zu Einsamkeit. Wenn finanzielle Sorgen zunehmen, steigt Stress. Wenn Arztkontakte entmutigend verlaufen, verliert man Vertrauen. Wenn Betroffene sich ständig erklären müssen, verbrauchen sie Energie, die sie eigentlich für Stabilisierung bräuchten. Nicht zu vergessen: Das betrifft auch die Angehörigen.

Infografik zum Teufelskreis bei ME/CFS und Long COVID: Eine abwärtsführende Spirale zeigt, wie Überlastung, Überschreiten des Energielimits, Crash/PEM, Unsicherheit, soziale Belastung und erneuter Push zu einem sinkenden Funktionsniveau führen können. Rechts wird ein immer kleiner werdendes Energiefenster dargestellt.

Mit anderen Worten: Der Teufelskreis ist nicht nur biologisch. Er ist biologisch, sozial, organisatorisch und emotional zugleich. Das soll heißen: Manchmal crasht ein Mensch nicht nur wegen eines Spaziergangs. Manchmal crasht er wegen eines Spaziergangs plus schlechtem Schlaf plus Behördenbrief plus Arzttermin plus Angst um den Arbeitsplatz plus dem Versuch, trotzdem noch ein guter Partner, Vater, Freund oder Kollege zu sein.

Stoppen des Teufelskreises durch: Verständnis des Push-Crash-Kreislaufs und Akzeptanz der neuen Situation

Viele Betroffene kommen irgendwann an einen Punkt, an dem nichts mehr geht. Nicht im dramatischen Sinn, sondern im nüchternen Sinn: Der Alltag ist zu groß geworden für die verfügbare Energie. Dieser Punkt wird oft zunächst als Scheitern erlebt. Er kann aber auch ein Wendepunkt sein.

Denn solange der Körper permanent über seine Grenzen gedrückt wird, ist Stabilisierung nicht möglich. Der Weg nach oben beginnt eben nicht mit mehr Aktivität, sondern mit dem Ende der Überforderung. Das kann eine lange Krankschreibung sein. Eine deutliche Reduktion der Arbeitszeit. Hilfe im Haushalt. Absage sozialer Verpflichtungen. Ein Rollstuhl für längere Wege. Verständnis für den Push-Crash-Kreislauf ist ungemein wichtig, um seinen Alltag so zu strukturieren, dass man unterhalb seines Energielimits bleibt.

Hierbei spielt auch Akzeptanz gegenüber den neuen körperlichen und geistigen Grenzen eine entscheidende Rolle. Auch wenn es verständlich ist, dass Betroffene diese Grenzen so schnell wie möglich wieder erweitern möchten, braucht es das Verständnis, dass sich diese Grenzen im Moment nicht einfach willentlich erweitern lassen. Es bringt hier nichts, energisch „mehr zu tun“. Ganz im Gegenteil.

Gerade schwer Betroffene verdienen dabei eine Sprache, die ihre Realität ernst nimmt. Wer bettlägerig und stark reizempfindlich ist, benötigt zum Teil Hilfe beim Essen, Waschen oder Kommunizieren. Eine so stark eingeschränkte Selbstständigkeit ist alles andere als leicht zu akzeptieren. Aber auch hier gilt das gleiche Prinzip. Die Akzeptanz des jetzigen Zustands hilft dabei, das Gesamtsystem aus dem ständigen Alarm-Modus herauszuführen, Energie zu sparen und das Risiko für weitere Verschlechterungen zu reduzieren.

Damit dieser Wendepunkt überhaupt möglich wird, braucht es nicht nur Einsicht der Betroffenen. Es braucht auch ein medizinisches Umfeld, das PEM erkennt und nicht weiter in die Überlastung hineinbehandelt.

Was Ärztinnen und Ärzte anders machen können

Aus hausärztlicher Sicht wäre oft schon viel gewonnen, wenn PEM früh erkannt und ernst genommen würde. Patientinnen und Patienten mit postinfektiöser Fatigue, Belastungsintoleranz, orthostatischen Beschwerden, kognitiver Verschlechterung und Crashs nach Belastung sollten nicht vorschnell in eine psychosomatische oder sportlich aktivierende Standardlogik geschoben werden.

Psychologische Unterstützung kann hilfreich sein, wenn sie Krankheitsbewältigung, Trauer, Angst, soziale Belastung oder Anpassung unterstützt. Sie wird problematisch, wenn sie die Erkrankung als primär falsches Krankheitsverhalten rahmt.

Die NICE-Leitlinie beschreibt kognitive Verhaltenstherapie bei ME/CFS nicht als Heilung, sondern als mögliche Unterstützung im Umgang mit Symptomen und Belastung. Das ist ein wichtiger Unterschied.4 

Ärztlich hilfreich sind oft einfache Dinge: die Erkrankung validieren, PEM erklären, Krankschreibungen nicht als persönliches Scheitern behandeln, Überlastung vermeiden helfen, Arbeitgeberkommunikation mit Attesten unterstützen, orthostatische Intoleranz abklären, Schlaf und Schmerzen behandeln, bei Bedarf Hilfsmittel verordnen, sozialmedizinische Fragen ernst nehmen und nicht zu früh zu viel Aktivierung verlangen.

Manchmal ist die beste Medizin am Anfang nicht ein Medikament. Sondern ein Satz wie: „Ich glaube Ihnen. Wir müssen verhindern, dass Sie weiter crashen.“

Der Aufwärtskreis: Statt abwärts geht es langsam aufwärts

Wenn wir verstehen, dass unsere Einbrüche nicht Zeichen von Schwäche sind, sondern Ausdruck einer lange nicht verstandenen Erkrankung, verändert sich etwas. Die Schuld nimmt ab. Die Strategie wird klarer. Man hört auf, jeden guten Tag sofort in Aktivität umzuwandeln. Man beginnt, Energie nicht nur zu verbrauchen, sondern zu schützen.

Wir hören auf, gegen die aktuelle Realität zu arbeiten. Wir planen mit dem Körper, den wir gerade haben, nicht mit dem Körper, den wir vor der Erkrankung hatten. Daraus kann effektiveres Pacing entstehen. Belastung kann so besser gesteuert werden, dass PEM-Schübe und Rückfälle immer seltener werden.

Wenn Crashs seltener werden, entsteht oft zum ersten Mal wieder ein bisschen Vorhersagbarkeit. Und Vorhersagbarkeit ist bei ME/CFS und Long COVID therapeutisch wertvoll. Sie reduziert Angst. Sie erleichtert Planung. Sie verbessert Kommunikation mit Angehörigen und Arbeitgebern. Sie macht medizinische Entscheidungen einfacher.

Medizinische Unterstützung: viele kleine Stellschrauben

Ein realistischer Aufwärtskreis braucht oft medizinische Unterstützung. Bislang gibt es keine Wundertablette, die ME/CFS zuverlässig über einen definierten Zeitraum heilt. In spezialisierten oder informierten Praxen werden inzwischen aber verschiedene symptomorientierte und teilweise Off-Label-Ansätze eingesetzt. Eine Off-Label-Verordnung bedeutet, dass ein zugelassenes Arzneimittel außerhalb der in der offiziellen Zulassung festgelegten Anwendungsgebiete, Dosierungen, Altersgruppen oder Darreichungsformen eingesetzt wird. Das heißt aber nicht, dass einzelne Medikamente für manche Betroffene keine große Entlastung bringen können.

In der Praxis geht es häufig um mehrere Ebenen: Schlaf stabilisieren. Brainfog reduzieren. Orthostatische Intoleranz oder POTS erkennen und behandeln. Schmerzen reduzieren. Mastzellaktivierung (MCAS) oder gastrointestinale Symptome einordnen und behandeln. Infekte vermeiden. Reizüberflutung reduzieren. Ernährung pragmatisch, leichtverdaulich und entzündungshemmend gestalten. Hilfsmittel nutzen. Sozialmedizinische Unterstützung organisieren.

Ein Heilversprechen kann man hier natürlich nicht geben. Aber wenn eine Patientin oder ein Patient den Push-Crash-Kreislauf überwunden hat und nun medikamentöse Unterstützung erhält, die sein dysreguliertes System unterstützt, kann das viel bedeuten.

Wenn der Schlaf etwas besser wird, sinkt die Grundlast. Wenn POTS besser kontrolliert ist, kostet Aufstehen weniger Energie (da weniger Stresshormone ausgeschüttet werden müssen, um die Gefäße zu regulieren). Wenn Schmerzen abnehmen, ist ebenfalls weniger Stress im System. Wenn sich Mastzellen beruhigen, kommt auch Ruhe in andere Systeme des Körpers.

Und wenn dadurch Crashs noch seltener werden, wird das Leben noch planbarer. Wenn der Alltag planbarer wird, sinkt wiederum die Gesamtbelastung. So kann aus vielen kleinen Entlastungen ein größerer Effekt entstehen.

Der Aufwärtskreis nimmt Fahrt auf

Nachdem sich ein korrektes Krankheitsverständnis gebildet hat, gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung organisiert wurde und Crashs seltener werden, sinkt allmählich die Grundlast durch die Erkrankung. Dann können wieder häufiger gute Tage auftreten. Hier darf man nicht den Fehler machen, übermütig zu werden und alles nachzuholen, was man in den Monaten und Jahren vernachlässigen musste. Stattdessen wird das Energielimit ganz behutsam erweitert. Manche arbeiten mit sehr kleinen Steigerungen, zum Beispiel im Bereich von etwa 5 % pro Monat. Was genau das sein könnte, ist sehr individuell. Das können beispielsweise 50 Schritte mehr pro Tag sein, das Kochen einer komplexeren Mahlzeit alle paar Tage oder ein Telefonat mit einer alten Freundin. Dieser 5%-Vorschlag bedeutet kein Trainingsplan und keine allgemeine Empfehlung. Sie soll nur verdeutlichen, wie klein solche Schritte sein können. Bei schwer Betroffenen kann selbst eine solche Steigerung viel zu viel sein.

Die Idee dahinter ist, dass die Stabilität im System jetzt ausreicht, um in sehr kleinen Schritten seine körperlichen und geistigen Grenzen zu erweitern. So kann der eigene Handlungsspielraum langsam wieder wachsen. Mit der langsamen Rückkehr von Freiheit kommt dann auch wieder mehr Lebensfreude zurück.

Genauso wie der beschriebene Teufelskreis sich beschleunigen kann, wenn das Verständnis für die Erkrankung fehlt, kann sich so auch der Aufwärtskreis beschleunigen. Durch den Spielraum kehren soziale Kontakte zurück. Vielleicht kann die Natur wieder bei Spaziergängen genossen werden. Über eine berufliche Wiedereingliederung wird mit der Zeit nachgedacht.

Während des Abstiegs im Teufelskreis dominiert eine Push-Mentalität:

Ich überschreite meine Grenze, weil ich mein altes Leben zurückwill.

Der Aufwärtskreis dagegen benötigt eher die Haltung:

Ich akzeptiere die Grenzen, die derzeit mein Leben bestimmen, und versuche sie zu stabilisieren, damit mein Leben wieder etwas größer werden kann.

Infografik zum Aufwärtskreis bei ME/CFS und Long COVID: Eine aufwärtsführende Spirale zeigt, wie Verständnis des Push-Crash-Musters, Akzeptanz der aktuellen Grenzen, Pacing, medizinische Unterstützung, weniger Crashs und behutsame Erweiterung wieder mehr Handlungsspielraum ermöglichen können. Rechts wird ein wachsendes Energiefenster dargestellt.

Wichtig zu wissen, ist dass der Aufwärtskreis offenbar nicht bei allen Patienten schnell Fahrt aufnimmt. Und wenn er es tut, dann selten geradlinig. Oft geht es eher um eine vorsichtige Stabilisierung mit Rückschritten, Schwankungen und kleinen Zugewinnen. Aber genau diese kleinen Zugewinne können entscheidend sein. Das Motto „Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“ erscheint hier passend. Eine zeitweise Verschlechterung während des Aufwärtskreises bedeutet nicht unbedingt einen Rückschritt, sondern ist Teil des Prozesses.

Besserung und Remission: Hoffnung ohne Schönfärberei

Wie bereits angedeutet, haben ME/CFS und Long COVID sehr unterschiedliche Verläufe. Manche Menschen bessern sich deutlich. Manche erreichen Teilremissionen. Manche erholen sich weitgehend. Andere bleiben über Jahre schwer krank. Auch gibt es offenbar fluktuierende Verläufe, bei denen Patienten die Bell Skala wiederholt rauf und wieder runter wandern. Eine seriöse Prognose bei diesen Erkrankungen ist kaum zu geben. Vollständige Erholungen wurden in älteren Übersichtsarbeiten als selten angegeben. Relevante Verbesserungen wurden aber bei einem Teil der Betroffenen beschrieben wurden.5 Eine aktuelle Übersichtsarbeit nennt beispielsweise eine variable Prognose mit vielen teilweisen Verbesserungen und einem kleinen Anteil vollständiger Erholungen!6

Es wäre nicht redlich, Betroffenen zu versprechen: „Mit der richtigen Methode wirst du wieder gesund.“ Das setzt Menschen unter Druck und öffnet die Tür für unseriöse Heilsversprechen.

Aber es ist genauso wenig redlich zu sagen: „Da kann man gar nichts machen.“ Denn Stabilisierung, Symptomkontrolle, Pacing, soziale Entlastung, medizinische Begleitung und vorsichtige individuelle Therapieversuche können auf lange Sicht den entscheidenden Unterschied machen.

Was Betroffene von sich selbst erwarten dürfen

Viele Betroffene sind hart mit sich. Sie vergleichen sich mit ihrem früheren Ich. Sie sehen, was andere schaffen. Sie sehen, was sie selbst nicht mehr schaffen. Und sie fühlen sich schuldig.

Aber bei ME/CFS und Long COVID ist Selbstdisziplin nicht immer das Gleiche wie Durchhalten. Manchmal ist Selbstdisziplin, rechtzeitig aufzuhören. Termine abzusagen. Hilfe anzunehmen. Den guten Tag nicht vollzumachen. Eine Pause einzubauen, obwohl man sich gerade besser fühlt. Nicht aus Angst, sondern aus Strategie.

Das ist schwer, weil es gegen viele innere und gesellschaftliche Muster geht. Wir bewundern Menschen, die sich durchbeißen. Aber bei PEM kann Durchbeißen teuer werden.

Eine reifere Form von Stärke kann dann sein: Grenzen erkennen, bevor der Körper sie brutal erzwingt.

Fazit: Die Richtung des Kreislaufs zählt

ME/CFS und Long COVID verlaufen nicht linear. Es gibt Schwankungen, Rückfälle, Besserungen, Fehlversuche und manchmal überraschende Wendungen. Aber viele Verläufe lassen sich besser verstehen, wenn man sie als Kreisläufe betrachtet.

Der Teufelskreis beginnt oft mit Unwissen, Überlastung und dem Versuch, ein altes Funktionsniveau zu retten. Push führt zu Crash. Crash führt zu Angst, Verlust und noch mehr Druck. Der verfügbare Spielraum wird kleiner.

Der Aufwärtskreis beginnt mit Verstehen. Dann folgen Akzeptanz der aktuellen Grenzen, Pacing, medizinische Unterstützung, Behandlung von Begleitproblemen, Stabilisierung und vorsichtiger Wiederaufbau. Der verfügbare Spielraum kann wieder größer werden.

Nicht garantiert. Nicht beliebig. Nicht durch Willenskraft. Aber manchmal Schritt für Schritt.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften an Betroffene: Es geht nicht darum, sich in die Krankheit zu ergeben. Es geht darum, nicht länger gegen die eigene Belastungsphysiologie zu arbeiten. Erst wenn der Körper nicht ständig in den nächsten Crash gezwungen wird, kann Stabilisierung beginnen. Und aus Stabilisierung kann, bei manchen Menschen, wieder ein Stück Leben entstehen.

  1. Centers for Disease Control and Prevention. (2024, May 10). IOM 2015 diagnostic criteria. U.S. Department of Health and Human Services. https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/diagnosis/iom-2015-diagnostic-criteria-1.html ↩︎
  2. Centers for Disease Control and Prevention. (2024, May 10). Strategies to prevent worsening of symptoms. U.S. Department of Health and Human Services. https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/clinical-care/treating-the-most-disruptive-symptoms-first-and-preventing-worsening-of-symptoms.htm ↩︎
  3. National Institute for Health and Care Excellence. (2021, October 29). Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: Diagnosis and management (NICE guideline No. NG206). https://www.nice.org.uk/guidance/ng206/chapter/recommendations ↩︎
  4. National Institute for Health and Care Excellence. (2021, October 29). Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: Diagnosis and management (NICE guideline No. NG206). NICE. https://www.nice.org.uk/guidance/ng206/chapter/recommendations ↩︎
  5. Jason, L. A., Porter, N., Brown, M., Anderson, V., Brown, A., Hunnell, J., & Lerch, A. (2009). CFS: A review of epidemiology and natural history studies. Bulletin of the IACFS/ME, 17(3), 88–106. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3021257/ ↩︎
  6. Hasan, Z., Kuyvenhoven, C., Chowdhury, M., Amoudi, L., Zeraatkar, D., Busse, J. W., Sadik, M., & Vanstone, M. (2024). Patient perspectives of recovery from myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome: An interpretive description study. Journal of Evaluation in Clinical Practice, 30(2), 234–242. https://doi.org/10.1111/jep.13938 ↩︎

2 Kommentare zu “Vom Teufelskreis zum Aufwärtskreis: Warum frühes Verstehen von ME/CFS und Long COVID entscheidend ist”

  1. Was für ein unglaublich hilfreicher und tröstlicher Artikel! Ich glaube, dass in dieser Art, verstanden zu werden, schon so viel Heilung liegt.

    • Liebe Nicole, vielen Dank für deine schöne Rückmeldung. Es freut mich sehr, wenn du dich durch den Artikel verstanden gefühlt hast. Genau das war mir beim Schreiben wichtig.

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