Viele Menschen mit ME/CFS oder Long COVID erleben irgendwann denselben Moment: Man weiß, dass etwas grundlegend nicht stimmt. Man hat Symptome, die den Alltag zerstören können. Man hat vielleicht schon gelesen, was PEM bedeutet. Vielleicht erkennt man sich in den Kanadischen Konsenskriterien wieder. Vielleicht ist man nach Monaten oder Jahren endlich an dem Punkt, an dem man medizinische Unterstützung sucht.
Und dann sitzt man in einer Hausarztpraxis.
Zehn Minuten. Ein voller Wartebereich. Ein Telefon, das dauerhaft klingelt. Eine MFA, die drei Dinge gleichzeitig macht. Ein Arzt oder eine Ärztin, die eigentlich zuhören möchte, aber im System eines überlasteten ambulanten Gesundheitswesens arbeitet.
Das ist keine ideale Ausgangslage für eine komplexe neuroimmunologische Erkrankung.
ME/CFS und Long COVID treffen auf ein Gesundheitssystem, das für solche Erkrankungen schlecht gebaut ist. Unsere ambulante Versorgung ist stark belastet: Laut KBV gibt es in Deutschland rund 578 Millionen Behandlungsfälle pro Jahr in Praxen und etwa eine Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte jährlich. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Schnitt 53 Stunden pro Woche. Gleichzeitig wird die verfügbare Zeit für Patientenversorgung trotz steigender Arztzahlen knapper, unter anderem durch Teilzeit, Anstellung, Bürokratie und strukturelle Veränderungen.1
Eine Analyse zur hausärztlichen Primärversorgung fand für Deutschland eine durchschnittliche Beratungsdauer von etwa 7,6 Minuten.2 Das ist nicht die Zeit, die eine gute ME/CFS-Anamnese braucht. Eine sorgfältige Erstaufnahme mit Beginn, Verlauf, PEM, orthostatischer Intoleranz, Schlaf, Schmerzen, Infekttriggern, Differentialdiagnosen, bisherigen Befunden, Medikamenten, Funktionseinschränkung und sozialmedizinischen Fragen dauert eher 60 bis 90 Minuten – manchmal länger.
Mit anderen Worten: Das Problem ist nicht nur, dass viele Hausärztinnen und Hausärzte zu wenig über ME/CFS wissen. Das Problem ist auch, dass selbst ein wohlwollender Hausarzt in einer normalen Sprechstunde kaum die Bedingungen hat, diese Erkrankung angemessen zu erfassen.
Genau deshalb ist Vorbereitung so wichtig. Nicht, weil Patientinnen und Patienten die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte übernehmen sollen. Sondern weil eine gute Vorbereitung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass in den wenigen Minuten wenigstens das Richtige passiert.
Warum ME/CFS in der Hausarztpraxis so schwer zu vermitteln ist
ME/CFS ist keine Erkrankung, die sich in einem einzelnen Laborwert zeigt. Es gibt keinen einfachen Bluttest, der sagt: positiv oder negativ. Die Diagnose beruht auf klinischen Kriterien, der typischen Symptomkonstellation, dem Verlauf und dem Ausschluss anderer Ursachen.
Das Kardinalsymptom ist PEM: post-exertionelle Malaise. Gemeint ist eine Zustandsverschlechterung nach körperlicher, kognitiver, emotionaler oder orthostatischer Belastung. Typisch ist, dass diese Verschlechterung verzögert auftreten kann, oft erst Stunden später oder am nächsten Tag. Für viele Betroffene ist genau das schwer zu vermitteln: Man fühlt sich aktuell während der Sprechstunde vielleicht noch gut, aber schon morgen liegt man aufgrund des Arztbesuchs im Crash.3
Die Kanadischen Konsenskriterien erfassen ME/CFS relativ spezifisch. Es müssen unter anderem Fatigue und PEM vorhanden sein; zusätzlich werden Schlafstörungen, Schmerzen, neurologisch-kognitive Symptome sowie autonome, neuroendokrine oder immunologische Manifestationen berücksichtigt. Die Erkrankung muss in dieser Definition mindestens sechs Monate bestehen, um ME/CFS von postinfektiöser Fatigue abzugrenzen.4
NICE beschreibt ME/CFS als komplexe chronische Erkrankung, die mehrere Körpersysteme betrifft, individuell sehr unterschiedlich verläuft und in ihrer Schwere stark schwanken kann. Die Leitlinie betont außerdem, dass viele Betroffene Vorurteile, Unglauben und Stigmatisierung erlebt haben. Das ist klinisch wichtig, weil viele Patientinnen und Patienten nicht nur krank sind, sondern auch erschöpft von dem Versuch, ernst genommen zu werden.5
Mit anderen Worten: ME/CFS ist nicht schwer zu verstehen, weil Betroffene sich schlecht ausdrücken. Es ist schwer zu vermitteln, weil die Erkrankung gegen viele medizinische Routinen läuft. Sie kann schwer sein, obwohl Blutwerte unauffällig bleiben. Sie kann funktionell zerstörerisch sein, obwohl man sie von außen oft nicht sieht. Und sie verschlechtert sich häufig ausgerechnet durch das, was bei vielen anderen Fatigue-Zuständen intuitiv naheliegt: Aktivierung und Belastungssteigerung.
Gerade deshalb braucht die Erkrankung Zeit, Struktur und eine sorgfältige Anamnese — also genau das, was in einer normalen hausärztlichen Sprechstunde oft nur begrenzt verfügbar ist.
Was muss am dringensten im Termin geklärt werden?
Der häufigste Fehler vor einem Hausarzttermin ist verständlich: Man möchte endlich alles erklären.
Die ganze Geschichte. Die Infektion. Den Crash. Die Reha. Die Blutwerte. Die Fehldeutungen. Die Ärzteodyssee. Die Angst. Die Arbeitsunfähigkeit. Die Medikamente. Die Hoffnung auf Hilfe. Die Enttäuschung über bisherige Behandlungen.
All das ist wichtig.
Aber es passt nicht in zehn Minuten.
Ein Hausarzttermin bei ME/CFS oder Long COVID sollte deshalb nicht mit der Erwartung beginnen, dass in wenigen Minuten die gesamte Erkrankung verstanden, eingeordnet und therapeutisch gelöst wird. Das wäre selbst für spezialisierte Ärztinnen und Ärzte anspruchsvoll. In einer normalen hausärztlichen Sprechstunde ist es meist schlicht nicht leistbar.
Das bedeutet nicht, dass der Termin unwichtig ist. Im Gegenteil: Hausärztinnen und Hausärzte können eine zentrale Rolle spielen – bei Krankschreibungen, Basisdiagnostik, Überweisungen, Verlaufskontrollen, sozialmedizinischen Einschätzungen und der langfristigen Begleitung. Aber gerade deshalb sollte der Termin als das verstanden werden, was er realistisch sein kann: ein gezielter nächster Schritt.
Hilfreich ist deshalb die Frage:
Was ist heute das wichtigste Anliegen?
Geht es um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung? Um eine ärztliche Stellungnahme? Um die Vervollständigung der Basisdiagnostik? Um eine Überweisung? Um die gemeinsame Einordnung des Verdachts auf ME/CFS? Um die Bitte, die Erkrankung langfristig hausärztlich mitzubegleiten? Oder um die vorsichtige Besprechung eines konkreten symptomorientierten Therapieversuchs?

Je klarer dieses Hauptanliegen formuliert ist, desto eher kann in begrenzter Zeit etwas Brauchbares entstehen. Wer dagegen versucht, im ersten Termin die gesamte Krankengeschichte, alle Befunde, alle offenen Fragen, alle sozialmedizinischen Sorgen und mehrere Therapieideen gleichzeitig unterzubringen, läuft Gefahr, dass am Ende vor allem Überforderung entsteht – auf beiden Seiten.
Ein möglicher Einstieg könnte deshalb lauten:
„Ich habe den Verdacht auf ME/CFS beziehungsweise ein ME/CFS-ähnliches Long-COVID-Syndrom. Das Leitsymptom ist bei mir PEM, also eine deutliche Zustandsverschlechterung nach Belastung. Ich habe meine Symptome und bisherigen Befunde kurz zusammengefasst. Mir ist bewusst, dass wir heute nicht alles klären können. Mein wichtigstes Anliegen für diesen Termin ist: …“
Dann folgt genau ein Hauptanliegen.
Zum Beispiel:
„Heute wäre mein wichtigstes Anliegen eine Einschätzung zur Arbeitsfähigkeit.“
Oder:
„Heute wäre mein wichtigstes Anliegen, dass wir die Basisdiagnostik vervollständigen und wichtige andere Ursachen ausschließen.“
Oder:
„Heute wäre mein wichtigstes Anliegen, ob Sie mich hausärztlich begleiten können und wir die nächsten Schritte schrittweise planen.“
Dieser Einstieg nimmt Druck aus dem Gespräch. Er signalisiert: Ich erwarte nicht, dass Sie in zehn Minuten eine hochkomplexe Erkrankung vollständig lösen. Aber ich brauche heute einen konkreten nächsten Schritt. Gleichzeitig zeigt er, dass der Patient oder die Patientin sich vorbereitet hat, dass ein erheblicher Leidensdruck besteht und dass das Gespräch nicht in alle Richtungen gleichzeitig laufen muss.
Gut ist auch, ein stufenweises Vorgehen bereits im Kopf zu haben. Nicht alles muss beim ersten Termin passieren. Oft ist es realistischer, die Versorgung über mehrere Kontakte aufzubauen, zum Beispiel folgendermaßen:
Termin 1: Verdacht ansprechen, PEM erklären, Funktionsniveau darstellen, Basisdiagnostik und gegebenenfalls Arbeitsunfähigkeit besprechen.
Termin 2: Befunde einordnen, Differentialdiagnosen prüfen, sinnvolle Überweisungen planen.
Termin 3: symptomorientierte Therapie ansprechen, zum Beispiel Schlaf, orthostatische Intoleranz, Schmerzen, Migräne, Mastzellaktivierung oder gastrointestinale Beschwerden.
Termin 4: sozialmedizinische Fragen klären, zum Beispiel Atteste, Reha, Arbeitsplatz, Pflegegrad oder Hilfsmittel.
Natürlich funktioniert Versorgung nicht immer so geordnet. Aber diese innere Struktur hilft. Sie schützt den Arzt vor Überforderung – und die Patientin oder den Patienten vor der Enttäuschung, dass in einem einzigen Termin nicht alles gelöst werden kann.
Vor dem Termin: Die eigene Erkrankung grob einordnen
Vor der Vorstellung sollte man versuchen, die eigene Symptomatik so klar wie möglich zu strukturieren.
Dabei helfen drei Fragen:
1. Gibt es PEM?
Das ist die zentrale Frage. Verschlechtert sich der Zustand nach Belastung? Kommt diese Verschlechterung verzögert? Dauert sie länger als normale Erschöpfung? Betrifft sie nicht nur Muskeln, sondern auch Denken, Kreislauf, Schlaf, Schmerzen, Infektgefühl oder Reizempfindlichkeit?
2. Wie stark ist die Funktion eingeschränkt?
Kann ich noch arbeiten? Nur reduziert? Bin ich überwiegend zuhause? Bettlägerig? Kann ich mich selbst versorgen? Brauche ich Hilfe beim Einkaufen, Kochen, Duschen oder bei Arztterminen? Wo befinde ich mich auf der Bell-Skala?
3. Was ist bisher ausgeschlossen oder gefunden worden?
ME/CFS ist eine klinische Diagnose, für die andere Erkrankungen bedacht werden müssen. Dazu gehören je nach Situation zum Beispiel Anämie, Schilddrüsenerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, entzündliche Erkrankungen, Schlafapnoe, relevante Mangelzustände, Herz- oder Lungenerkrankungen, neurologische Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen, Depression, Angststörungen oder andere Ursachen von Fatigue.
Wichtig: Psychische Erkrankungen können zusätzlich bestehen und verdienen Behandlung. Aber sie erklären PEM nicht automatisch. Und sie sollten nicht vorschnell als alleinige Ursache angenommen werden, wenn ein klares postinfektiöses Belastungsintoleranz-Muster vorliegt.
Eine Seite ist besser als ein Ordner

Viele Betroffene bringen Ziegelstein-dicke Aktenordner mit. Das ist verständlich, weil oft eine lange Krankengeschichte dahintersteht. Für die hausärztliche Sprechstunde ist es aber zu viel. Wenn Ärzte sehen, dass man soetwas mitbringt (am besten mit dem Satz „Ich war schon bei 1000 Ärzten“) sorgt das nicht für Freude.
Besser ist eine einseitige Zusammenfassung. Das Erstellen dieser Zusammenfassung strukturiert auch die eigenen Gedanken und macht es einem selbst leichter sein Anliegen zu priorisieren.
Diese Zusammenfassung sollte idealerweise enthalten:
1. Kurzdiagnose oder Verdacht
„Verdacht auf ME/CFS nach SARS-CoV-2-Infektion 2023“
oder
„Long COVID mit ausgeprägter Belastungsintoleranz und PEM“
2. Beginn und Auslöser
„Beginn nach COVID-19 im März 2022, vorher voll arbeitsfähig“
3. Leitsymptom
„PEM nach körperlicher und kognitiver Belastung, verzögert nach 12–48 Stunden, Dauer meist 2–5 Tage“
4. Funktionsniveau
„Aktuell arbeitsunfähig, verlässt Wohnung 1–2×/Woche, Haushalt nur mit Hilfe“ (gerne mit Angabe des Bell-Scores)
oder
„Arbeitet 50 %, keine sozialen Aktivitäten mehr, Wochenende zur Erholung nötig“
5. Wichtigste Begleitsymptome
Brain Fog, Schlafstörung, orthostatische Beschwerden, Schmerzen, Reizüberflutung, Infektgefühl, gastrointestinale Beschwerden, Mastzellaktivierungszeichen – aber nur die wichtigsten.
6. Bisherige Diagnostik in Stichworten
Nicht jeden Laborwert. Sondern: Was wurde gemacht, wann, mit welchem Ergebnis? Idealerweise in Bulletpoints.
7. Bisherige Therapien
Was wurde versucht? Was half? Was verschlechterte?
8. Aktuelle Medikamente und Unverträglichkeiten
Unbedingt klar und vollständig.
9. Heutiges Anliegen
Zum Beispiel:
„Ich möchte besprechen, ob ein vorsichtiger Therapieversuch gegen orthostatische Beschwerden sinnvoll sein könnte.“
Das Ziel ist nicht, die eigene Krankheit zu verkürzen. Das Ziel ist, die entscheidenden Informationen sichtbar zu machen.
Grundsätzlich machen chronologische Zusammenfassungen immer am meisten Sinn. Beispiel:
| Zeitraum | Ereignis / Befund | Bedeutung |
|---|---|---|
| 03/2022 | COVID-19-Infektion | Beginn der Beschwerden danach |
| 04–06/2022 | Fatigue, Belastungsintoleranz | Arbeitsfähigkeit zunehmend eingeschränkt |
| 08/2022 | Kardiologie unauffällig | keine strukturelle Herzerkrankung gefunden |
| 11/2022 | Reha, Aktivierung verschlechterte Zustand | Hinweis auf PEM / Belastungsintoleranz |
| 2023 | Labor weitgehend unauffällig | keine alternative Erklärung gefunden |
| 2024 | POTS-Diagnostik auffällig | orthostatische Komponente |
Das ist für Ärztinnen und Ärzte oft viel leichter zu erfassen als 60 Seiten Befunde. Mit anderen Worten: Nicht alles weglassen. Aber sortieren.
Hilfreiche Unterlagen: nicht missionieren, sondern erleichtern
Es kann sinnvoll sein, gute Informationsmaterialien mitzubringen. Aber auch hier gilt: weniger ist mehr.
Statt dem Arzt zehn Links zu schicken, würde ich eher ein oder zwei gut ausgewählte Dokumente nutzen:
- die Kanadischen Konsenskriterien oder IOM/SEID-Kriterien,
- ein kurzes Informationsblatt zu ME/CFS,
- den Praxisleitfaden ME/CFS,
Der Praxisleitfaden ME/CFS wurde ausdrücklich für die allgemeinmedizinische Praxis entwickelt und behandelt ME/CFS nach verschiedenen Auslösern einschließlich SARS-CoV-2 sowie ME/CFS-ähnliche Long- oder Post-COVID-Verläufe.6
Die NICE-Leitlinie betont außerdem Energie-Management als selbstgesteuerte Strategie, die alle Aktivitätsformen umfasst – körperlich, kognitiv, emotional und sozial. Sie warnt vor allgemeinen Aktivierungsprogrammen und insbesondere vor festen, schematisch gesteigerten Belastungsprogrammen im Sinne klassischer graded exercise therapy.7
Das bedeutet praktisch: Wenn Patientinnen und Patienten erklären wollen, warum „einfach mehr Sport“ bei ihnen nicht funktioniert, sollten sie das nicht nur als Meinung formulieren, sondern mit PEM und Leitlinienlogik begründen.
„Bei mir führt Belastung verzögert zu einer deutlichen Symptomverschlechterung. Deshalb brauche ich zunächst Pacing und Energiemanagement und KEINE Aktivierung.“
Das ist medizinisch präzise und für Hausärzte leichter einzuordnen.
Wenn es um Off-Label-Medikamente geht
Viele Medikamente, die bei ME/CFS oder Long COVID diskutiert werden, werden symptomorientiert und off label ausgewählt. Das bedeutet: Ein zugelassenes Medikament wird außerhalb seines offiziell zugelassenen Anwendungsgebietes eingesetzt. Der Gemeinsame Bundesausschuss beschreibt Off-Label-Use als zulassungsüberschreitenden Einsatz außerhalb der genehmigten Indikationen, Patientengruppen oder Anwendungsgebiete. Grundsätzlich ist Ärztinnen und Ärzten eine solche Anwendung erlaubt, die Verordnung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung ist aber nur in bestimmten Ausnahmefällen möglich.8
Für den Hausarzt ist das ein sensibles Feld.
Ein Off-Label-Wunsch ist nicht einfach „ein Rezept“. Ärztinnen und Ärzte müssen Nutzen, Risiken, Alternativen, Evidenzlage, Wechselwirkungen, Kontraindikationen, Monitoring und Kostenfragen abwägen. Außerdem braucht es eine nachvollziehbare Aufklärung und Einwilligung.
Ein guter Aufklärungsbogen sollte deshalb enthalten:
- welches Medikament eingesetzt werden soll,
- für welches Symptom oder welches klinische Ziel,
- dass es sich um eine Anwendung außerhalb der Zulassung (off label) handelt,
- welche Evidenz oder klinische Begründung es gibt,
- welche Unsicherheiten bestehen,
- welche Nebenwirkungen und ob Wechselwirkungen relevant sind,
- wann abgebrochen oder pausiert werden sollte,
- ob Kontrollen sinnvoll sind (beispielsweise regelmäßige Blutdruck- und Herzfrequenzmessungen),
- dass Kosten möglicherweise selbst getragen werden müssen,
- dass die Entscheidung gemeinsam nach ärztlicher Aufklärung getroffen wird.
Ein Beispiel eines solchen Off-Label-Aufklärungsbogens habe ich im Folgenden für das Medikament Low Dose Naltrexon angehängt. Der Bogen kann heruntergeladen und als Orientierung oder Muster für andere Medikamente genutzt werden.
Wichtig: Dieser Musterbogen ersetzt keine individuelle ärztliche Prüfung, Aufklärung und Dokumentation. Er ist aus meinen Recherchen entstanden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder rechtliche Verbindlichkeit. Ob Low Dose Naltrexon im konkreten Einzelfall medizinisch vertretbar ist, welche Risiken bestehen, welche Alternativen infrage kommen und ob eine Verordnung erfolgen kann, muss immer die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt entscheiden.
Die Verantwortung für Indikationsstellung, Aufklärung, Einwilligung, Rezeptierung, Verlaufskontrolle und Dokumentation liegt bei der jeweils behandelnden bzw. aufklärenden Ärztin oder dem jeweils behandelnden bzw. aufklärenden Arzt.
Ein solcher vorbereiteter Aufklärungsbogen kann einen Hausarzt entlasten, aber letztendlich muss er oder sie selbst zu der Entscheidung gelangen, dass er die off-label Verordnung als sinnvoll erachtet und der Verordnung zustimmt.
Aus diesem Grund sollte die Bitte nach Verschreibung eines off label Medikaments auch angemessen geäußert werden. Zum Beispiel so:
„Ich weiß, dass Sie das selbst prüfen und verantworten müssen. Ich habe nur einen Aufklärungsbogen vorbereitet, falls das für Sie hilfreich ist. Mir ist klar, dass Sie nicht verpflichtet sind, das zu verordnen.“
Das ist eine andere Haltung als:
„Hier ist der Bogen, bitte unterschreiben und verschreiben.“
Was man lieber nicht tun sollte
Einige Dinge sind verständlich, aber im Termin oft nicht hilfreich.
Zum Beispiel:
1. Mit einem dicken Aktenordner starten
Der Ordner darf dabei sein. Aber er sollte nicht der Einstieg sein. Besser: eine Seite Zusammenfassung, wichtige Befunde markiert, Rest nur bei Bedarf.
2. Direkt mit zehn Medikamenten beginnen
Wenn der Arzt die Erkrankung noch nicht einordnen kann, wirken zehn Therapievorschläge schnell überfordernd. Besser: erst Diagnose- und Symptomlogik, dann ein konkretes nächstes Therapieziel.
3. Den Arzt belehren
Viele Betroffene wissen über ME/CFS mehr als ihre Behandler. Das ist real. Trotzdem ist der Ton entscheidend. „Ich habe dazu etwas gefunden, das vielleicht hilfreich ist“ funktioniert meist besser als „Sie kennen sich damit wahrscheinlich nicht aus“.
4. Alles beweisen wollen
Wer bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat, kommt oft in einen inneren Verteidigungsmodus. Verständlich. Aber der Termin wird meistens besser, wenn die Informationen ruhig, kurz und strukturiert kommen.
5. Ohne klares Ziel kommen
Ein Termin ohne Ziel wird bei komplexen Erkrankungen schnell diffus. Ein Termin mit einem klaren Anliegen hat eine viel höhere Chance auf ein brauchbares Ergebnis.
Für schwer Betroffene: Der Termin selbst kann ein Belastungstest sein
Bei schwerer oder sehr schwerer ME/CFS ist schon der Weg in die Praxis eine relevante Belastung. Schweres ME/CFS geht unter anderem einher mit starker Einschränkung alltäglicher Aktivitäten, häufigem Haus- oder Bettgebundensein und ausgeprägter Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Sehr schwer Betroffene sind oft ganztägig bettlägerig und auf Pflege angewiesen.
Das muss in der Planung berücksichtigt werden.
Praktisch kann das bedeuten:
- wenn möglich Telefon- oder Videosprechstunde anfragen,
- Termin zu einer reizärmeren Tageszeit vereinbaren,
- Begleitperson mitnehmen,
- eine schriftliche Zusammenfassung vorab schicken,
- im Wartezimmer möglichst wenig warten müssen,
- nach dem Termin Erholungszeit einplanen,
- nicht mehrere Termine an einem Tag kombinieren.
Das ist kein Komfortwunsch. Es ist Teil des Krankheitsmanagements.
Bei ME/CFS ist der Arzttermin nicht nur ein organisatorischer Vorgang. Er kann selbst ein Crash-Auslöser sein.
Medikamentenpreise und Erstattung: Vorher klären, was realistisch ist
Ein Punkt wird im Arztgespräch häufig zu spät besprochen: die Kosten.
Viele Medikamente, die bei ME/CFS und Long COVID diskutiert werden, sind nicht spezifisch für diese Erkrankungen zugelassen und werden daher off label eingesetzt, manche sind nur als Individualrezeptur erhältlich, manche müssen privat bezahlt werden, andere können unter bestimmten Bedingungen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Für Betroffene ist es deshalb sinnvoll, sich vor dem Termin zumindest grob zu überlegen: Was wäre finanziell überhaupt machbar? Und bei welchem Medikament müsste vorher geklärt werden, ob eine Erstattung möglich ist?
Es ist nunmal nichts gewonnen, wenn ein medikamentöser Therapieplan in der Theorie super aussieht, aber am Ende daran scheitert, dass ein Medikament monatlich 100, 300 oder 700 Euro kostet.
Zur groben Orientierung können monatliche Kosten sehr unterschiedlich ausfallen. Die folgende Übersicht basiert auf einer beispielhaften Preisrecherche (Stand: 05/2026) und ist nur als Annäherung zu verstehen. Preise können je nach Dosierung, Packungsgröße, Hersteller, Apotheke, Import, Rezeptur und Bezugsweg davon abweichen. Präparate aus dem Ausland oder über andere Bezugswege können teilweise günstiger oder teurer sein.
| Medikament / Präparat | grobe Kostenorientierung |
|---|---|
| ASS | ca. 0,50–1 €/Monat |
| Doxepin-Tropfen | rechnerisch ca. 1–3 €/Monat, praktisch meist Flasche ca. 24 € |
| Low Dose Lithium | ca. 3–10 €/Monat |
| Low Dose Aripiprazol | ca. 5–50 €/Monat |
| Rivaroxaban niedrig dosiert | ca. 7–11 €/Monat |
| Clopidogrel | ca. 8 €/Monat |
| Nattokinase | ca. 8–16 €/Monat |
| Trazodon | ca. 6–12 €/Monat |
| Ketotifen | ca. 6–13 €/Monat bzw. ca. 13 €/Monat |
| Propranolol | ca. 14 €/Monat |
| Famotidin | ca. 14–16 €/Monat |
| Pycnogenol | ca. 22–60 €/Monat |
| Acyclovir | ca. 23–116 €/Monat |
| Ivabradin | ca. 26–40 €/Monat |
| Low Dose Naltrexon | ca. 27–28 €/Monat |
| Nikotinpflaster | ca. 40–100 €/Monat |
| Midodrin | ca. 41–83 €/Monat |
| Valaciclovir | ca. 44–135 €/Monat |
| Rapamycin | ca. 45–285 €/Monat |
| Mestinon | ca. 53–58 €/Monat |
| Cromoglicinsäure | ca. 54–138 €/Monat |
| Modafinil | ca. 70–140 €/Monat |
| Mestinon retard | ca. 93 €/Monat |
| Semaglutid / GLP-1-Rezeptoragonist | ca. 104 €/Monat |
| Vericiguat | ca. 100 €/Monat |
| Guanfacin plus NAC | ca. 130 €/Monat |
| Valganciclovir | ca. 275–1.098 €/Monat |
| Maraviroc | ca. 641–766 €/Monat |
| Maraviroc plus Pravastatin | ca. 646–771 €/Monat |
| Paxlovid | ca. 1.149 € pro 5-Tage-Packung |
| Amifampridin | ca. 2.090 €/Monat |
Diese Liste ist keine Therapieempfehlung. Sie zeigt nur: Manche Optionen sind finanziell niedrigschwellig, andere sind für viele Menschen ohne Erstattung praktisch kaum erreichbar. Gerade bei teuren Medikamenten sollte deshalb früh geklärt werden, ob überhaupt eine realistische Verordnungsmöglichkeit besteht.
Wichtig ist außerdem: Selbst wenn ein Medikament theoretisch bezahlbar ist, heißt das nicht automatisch, dass es medizinisch sinnvoll ist. Diese Medikamente müssen je nach Symptomprofil individuell ärztlich abgewogen werden. Entscheidend bleiben Indikation, Kontraindikationen, Wechselwirkungen, Vorerkrankungen, Begleitmedikation, Verlaufskontrolle und eine ehrliche Nutzen-Risiko-Abwägung.
Eine relevante neue Entwicklung betrifft vier Wirkstoffe, die der Gemeinsame Bundesausschuss im April 2026 für bestimmte Long-/Post-COVID- beziehungsweise ME/CFS-Konstellationen in den Off-Label-Use aufgenommen hat: Ivabradin, Metformin, Agomelatin und Vortioxetin. Der G-BA beschreibt, dass damit ein Off-Label-Use als Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen möglich wird. Die konkreten Voraussetzungen sind aber eng definiert und müssen zur jeweiligen Situation passen.
Vereinfacht gesagt betrifft dies:
- Ivabradin bei COVID-19-assoziiertem POTS, wenn Betablocker nicht geeignet sind oder nicht toleriert werden.
- Metformin zur Prophylaxe von Long/Post-COVID nach akuter SARS-CoV-2-Infektion, unter bestimmten Voraussetzungen, insbesondere bei Übergewicht/Adipositas.
- Agomelatin zur Behandlung von Fatigue bei postinfektiöser ME/CFS und bei Long/Post-COVID.
- Vortioxetin bei kognitiven Beeinträchtigungen und/oder depressiven Symptomen im Rahmen von Long/Post-COVID.
Praktisch wichtig: Der übliche Weg ist dabei nicht, dass Patientinnen und Patienten privat in Vorleistung gehen und sich das Geld anschließend selbst von der Krankenkasse zurückholen. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind und der Beschluss in Kraft ist, erfolgt die Verordnung grundsätzlich über ein normales Kassenrezept durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt. Eine private Vorleistung mit nachträglicher Erstattung kann in Einzelfällen vorkommen, ist aber nicht der Standardweg und sollte vorher mit der Krankenkasse geklärt werden.
Für den Hausarzttermin bedeutet das: Es kann sinnvoll sein, vorbereitet zu fragen, ob ein bestimmtes Medikament überhaupt als Kassenleistung infrage kommt oder ob es sich um eine private Off-Label-Verordnung handeln würde. Noch besser ist eine nüchterne Formulierung:
„Mir ist bewusst, dass Sie prüfen müssen, ob das medizinisch sinnvoll, verordnungsfähig und erstattungsfähig ist. Können wir gemeinsam klären, ob dieses Medikament in meinem Fall überhaupt realistisch infrage kommt?“
Fazit: Gute Vorbereitung ist kein Ersatz für gute Medizin – aber sie kann helfen
Menschen mit ME/CFS und Long COVID brauchen ein besseres Versorgungssystem. Mehr Wissen. Mehr Zeit. Mehr spezialisierte Anlaufstellen. Mehr Anerkennung. Mehr Forschung. Mehr praktische Unterstützung.
Aber bis dieses System besser ist, müssen viele Betroffene mit dem arbeiten, was verfügbar ist: einer Hausarztpraxis, kurzen Terminen, begrenzter Zeit und oft wenig spezifischer Erfahrung mit ME/CFS.
Das ist frustrierend. Aber es ist nicht aussichtslos.
Wer den Termin vorbereitet, die eigene Symptomatik knapp strukturiert, PEM klar benennt, relevante Kriterien mitbringt, die wichtigste Priorität auswählt und den Arzt nicht mit der gesamten Krankengeschichte überlädt, erhöht die Chance, dass aus einem überfordernden Gespräch ein sinnvoller nächster Schritt wird.
Nicht jeder Hausarzt wird ME/CFS gut kennen. Aber viele Ärztinnen und Ärzte sind eher bereit zu helfen, wenn man ihnen die Orientierung erleichtert.
Und vielleicht ist das eine der pragmatischsten Strategien im Moment: Nicht darauf warten, dass ein krankes System plötzlich gesund funktioniert. Sondern den einzelnen Kontakt so vorbereiten, dass trotz dieses Systems medizinisch etwas Brauchbares entstehen kann.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung. (2026, 12. März). Kritischer Trend setzt sich fort: Mehr Ärzte und trotzdem weniger Zeit. https://www.kbv.de/presse/pressemitteilungen/2026/kritischer-trend-setzt-sich-fort-mehr-aerzte-und-trotzdem-weniger-zeit ↩︎
- Deutsches Ärzteblatt. (2023, 8. Juni). Dauer von Hausarztkonsultationen in Deutschland nur im internationalen Mittelfeld. https://www.aerzteblatt.de/news/dauer-von-hausarztkonsultationen-in-deutschland-nur-im-internationalen-mittelfeld-7c26ecd9-7cae-43ab-a8fc-5c167d3d39e6 ↩︎
- Centers for Disease Control and Prevention. (2024, May 10). IOM 2015 diagnostic criteria. https://www.cdc.gov/me-cfs/hcp/diagnosis/iom-2015-diagnostic-criteria-1.html ↩︎
- Charité Fatigue Centrum. (2025, 16. Dezember). Kanadische Kriterien 2003, modifiziert (Version 2.1) [Patienteninformation]. https://cfc.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/kompetenzzentren/cfc/Fatigue_Centrum_LK/PDF_Dokumente/CCC_v2.1_2026.pdf ↩︎
- National Institute for Health and Care Excellence. (2021, October 29). Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: Diagnosis and management (NICE guideline NG206). https://www.nice.org.uk/guidance/ng206/chapter/recommendations ↩︎
- Renz-Polster, H., Dräger, M., & Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e. V. (2026, April). Praxisleitfaden Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS): Sowie entsprechende Verlaufsformen des Long-COVID- bzw. Post-COVID-Syndroms. Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e. V. https://praxisleitfaden.mecfs.de/mecfs ↩︎
- National Institute for Health and Care Excellence. (2021, October 29). Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: Diagnosis and management (NICE guideline NG206). https://www.nice.org.uk/guidance/ng206/chapter/recommendations
↩︎ - Gemeinsamer Bundesausschuss. (o. J.). Off-Label-Use – Verordnungsfähigkeit von Arzneimitteln in nicht zugelassenen Anwendungsgebieten. https://www.g-ba.de/themen/arzneimittel/arzneimittel-richtlinie-anlagen/off-label-use/ ↩︎

